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Artikel aus dem Evangelischen
Pressedienst (epd)
Redaktion: epd medien
Unter dem Titel "Die "Teletubbies", eh-oh" erschien folgender Artikel: (ungekürzt)
Beim Londoner "World Summit of
Children's Television" / Von Birgit Weidinger epd
Internationale Teilnehmer aus vielen Ländern,
ausgestattet mit Impetus, Neugierde,
Informationsmaterial und Kopfhörern, trafen sich in der
zweiten Märzwoche
im Elizabeth-II-Konferenzzentrum in London zum
"World Summit of Children's Television". Der erste
Kinderfernsehgipfel hat vor drei Jahren
in Australien stattgefunden, Griechenland wird im Jahr 2001
der nächste Gastgeber sein.
Die Veranstaltung entwickelt sich, so sah man in London, zu
einer Institution,
umfänglich und grundsätzlich sind die Referate, Workshops,
Masterclasses
und Diskussionsforen. Die Agenda wurde erstellt unter tatkräftiger
Mitwirkung
der Präsidentin Anna Home, der international angesehenen
ehemaligen Chefin
des BBC-Kinderprogramms.
Die britischen Medien haben ausführlich über die Konferenz
berichtet -
nicht aber in erster Linie über bestimmte Trends und
Tendenzen, interkulturelle Nahtstellen
oder Trennlinien zwischen reichen Ländern und Entwicklungsländern.
Schlagzeilen
machte vor allem ein einzelnes Programm, eine BBC-Serie für
Kleinkinder, die auch
in verschiedenen Radiosendungen der BBC anläßlich der
Konferenz heftig erörtert wurde.
Daß sich gerade an einer solchen, scheinbar harmlosen,
Programmangelegenheit
die Gemüter erhitzen, hat etwas Absurdes, und es ist
symptomatisch für Trends
und Tendenzen in der Medienlandschaft.
Die "Teletubbies", der Gegenstand der Kontroverse,
sind ein Fernsehprodukt der BBC
für Kinder ab zwei, eine Serie, die seit ihrem Start im Jahr
1997 sehr schnell beliebt,
erfolgreich und umstritten wurde. Als Erwachsener möchte man
zunächst ungläubig
schmunzeln, wenn man sie sieht, die Zwitterwesen, die da
auftreten.
Sie heißen Tinky Winky, Dipsy, Laa-Laa und Po, erinnern an
plüschige Teddybären,
stammen aber, deutlich erkennbar, von einem anderen Stern,
weil sie eine Art Antenne
auf dem Kopf tragen und in technologisch geprägten Gewölben
unter den Hügeln von
Teletubbyland hausen.
Die niedlichen Extraterrestrischen haben in ihren Bäuchen
eine kleine Mattscheibe
eingebaut, auf der sie den Kindern zwischendurch klare und
einprägsame Filme über
bestimmte Phänomene der realen Welt zeigen. Wie das mit dem
Regen ist zum
Beispiel oder wieviel sich an einem sandigen Strand ereignet.
Die Teletubbies
torkeln fröhlich über saftige Wiesen in ihrem Teletubbyland,
und die Sonne strahlt
nur so vom blauen Himmel, sie sprechen nicht, sie lallen uh-oh
und eh-oh,
kleinkindgemäß eben (die Darsteller sind Erwachsene, aber
von sehr kleiner Gestalt),
sie sind gelb und grün und rot und blau, und ihr Ambiente
hat den simplen Charme
von Bauklotz-Landschaften. Die Erfinderinnen der Teletubbies,
Anne Wood und Andrew Davenport von der Produktionsfirma
Ragdoll haben sich,
so versichern sie allen Kritikern, genau an den Vorlieben und
Bedürfnissen der Kleinkinder orientiert, als sie die Serie entwickelten.
Auch große Kinder sind zu Fans der Teletubbies geworden,
nachdem die sich auf dem
Bildschirm breitmachten, es entstanden Fanclubs, und es
finden sich auch Klatsch und Infos
über die Tubbies im Internet. Offensichtlich bieten die
Zwitterwesen manchem Erwachsenen
eine willkommene Flucht auf Zeit aus einer Berufs- oder
Alltagswelt, deren Farben nicht so
unerschütterlich bunt sind wie in der Welt der Teletubbies.
Es sei das Programm
der Sonnenbabies, sagen Bewunderer, weil die goldene Sonne
gar so milde und fröhlich
strahle im Teletubbyland.
In Asien und Südafrika, in Australien, in Italien, in Israel,
Dänemark, Portugal und weiteren
Ländern läuft die Serie mittlerweile oder ist dorthin
verkauft, und die Einnahmen
aus den Begleitprodukten, die von den BBC-Merchandisern als
hochqualifiziert verteidigt
werden - die Bücher, Puppen, Videos, CD-Roms und
Schallplatten also - übertreffen
alle Erwartungen. Die erste Single, "Teletubbies say ,Eh-oh!'",
wurde 1,2 millionenmal verkauft.
Werden die kleinen Krabbler zu Zwangskonsumenten getrimmt?
Gerade das brachte manche Beobachter auf dem Kinderfernsehgipfel in Rage.
Werde nicht die frühkindliche Unschuld durch solche
Programme und Produkte verdorben, die kleinen Krabbler zu Zwangskonsumenten getrimmt? Eine
norwegische Teilnehmerin
stellte den Wert der Serie in Frage mit dem Argument, Kinder
würden hier in eine fremdartige
Welt eingeladen, in der außerirdische Kleinkinder in
reduzierter Babysprache redeten.
Außerdem sei dies das marktorientierteste Produkt für
Kinder, das sie je gesehen habe.
Ob Kinder denn nicht lächeln dürften, fragte dagegen ein
britischer Teilnehmer,
der die Harmlosigkeit und Freundlichkeit der Tubbies
verteidigen wollte.
Und eine Vertreterin des amerikanischen PBS-Fernsehens, das
die Serie gekauft hat,
wurde gar ausfällig gegenüber deren Kritikern. Der Disput
blieb ungelöst und fand auch in
einem populären Morgenprogramm auf Radio 4 seinen
Niederschlag. Auch dort zeigte sich,
wie selbstverständlich sich Erwachsene manchmal gegen
Argumente abschotten,
die nicht in ihr Weltbild passen und die sie deshalb nicht
wahrhaben wollen.
Da wird dem Fernsehen schnell "Zwangsbeglückung" vorgeworfen...
Was also für welches Alter und für welche Zielgruppen und
mit welchem Merchandising?
Das alte, neue Argument, daß Kinder gerne Programme sehen,
die gar nicht für ihre
Zielgruppe bestimmt sind, wurde im Fall der Teletubbies
dadurch entkräftet,
daß eben die maßgeschneiderte, zielgerichtete Machart für
die Kleinsten ihre
Akzeptanz präge. Anna Home, ( Wood )der man kaum unterstellen kann,
Kinder als Käufergruppe ausbeuten zu wollen, bestand darauf,
daß die Vermarktung
solcher Programme gerechtfertigt sei, wenn die Kinder dadurch
einen zusätzlichen
Lern-, Anschauungs- und Unterhaltungsreiz erhielten. "Ich
würde mich einer zynischen
Ausbeutung der Kinder widersetzen, in der Kreativität nur
von kommerziellen Interessen
geprägt ist, doch diese Gefahr besteht nicht, wenn das
Programm selbst kreativ
und redaktionell verantwortungsbewußt gemacht ist und wenn
damit angemessener
Schutz vor Ausbeutung besteht." Und was die finanziellen
Gewinne durch
Merchandising angeht: Eine Übersicht des World Summit zeigte,
daß mit diesen
Gewinnen im Durchschnitt fünf Prozent der
Programmfinanzierung erreicht wird.
Schließlich wollten die Spielwarenfirmen erst sichergehen,
daß solche Serien ein
Erfolg würden. Andererseits bestreitet niemand, daß
Merchandising für die Finanzierung
ein unverzichtbares Element geworden ist.
Auf der Konferenz wurden auch neue Berichte über
Fernsehgewohnheiten
britischer Kinder vorgelegt, von denen es hieß, daß immer
mehr Kinder ein eigenes
Fernsehgerät im Kinderzimmer hätten. Es erscheine ihren
Eltern zu gefährlich,
sie draußen spielen zu lassen. Die vermehrte Nachfrage nach
Programmen
auf allgemeinen und Spezialkanälen sei also gegeben, doch
gleichzeitig werde
es immer schwieriger, hohe Qualitätsmaßstäbe beizubehalten.
Es gebe mehr Sendezeit,
aber nicht mehr Budget. Neue enorme Kosten entstünden auch
bei der Vermarktung
und dem Verkauf von Kinderprogrammen für die Vielzahl der
Kanäle.
Und eine weitere Prognose lautete:
Trotz der Expansion auf dem Online- und Computermarkt werde
sich auf dem
Kinderfernsehgipfel im Jahr 2001 das Fernsehen weiterhin das
populärste Medium für Kinder erweisen.
Welchen Stellenwert dann wohl die 1998er Babies aus dem
Sonnenland der
Teletubbies haben?
© Evangelischer Pressedienst (epd)
Redaktion: epd medien
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